Wie alles begann.......
Diggi stand zu Hause am Fenster und starrte hinaus.
Der graue Hamburger Himmel drückte schwer auf
den Hinterhof und passte genau zu seiner Stimmung.. Er war allein. Seit sich die alte Band aufgelöst hatte, war es in der Zauberwerkstatt viel zu still geworden. Das Fehlen des Bass-Wummerns in der Magengrube fühlte sich an wie eine schlecht verheilte Wunde.
Er drehte sich um und ließ den Blick schweifen.
Er mochte seine „Wohnung“ die im Moment irgendwie so leer wirkte.
Wo er jetzt schlief, hatten früher, als er klein war, Leute Milch und Brot bei Tante Emma gekauft. Später hatte es hier nach Frittierfett von einem Imbiss gerochen, dann war es ein Lager in dem viele Kisten mit „was auch immer“ hier vor sich hin staubten...
bis der Ort jahrelang leer stand. Jetzt war es sein Zuhause.
Das kleine Hinterzimmer reichte ihm völlig: Ein Bett, ein Fernseher, die Anlage für den richtigen Krach und eine Miniküche, in der Dusche und Klo direkt daneben gequetscht waren.
Mehr brauchte er nicht.
Vorne, in der eigentlichen Werkstatt, stapelten sich die Sorgen anderer Leute.
Heute waren es zwei Staubsauger, die keinen Mucks mehr machten.
Normalerweise reparierte er hier alles, was man ihm brachte, aber heute fehlte ihm der Antrieb. Die Werkstatt war sein Büro, Proberaum und oder Partykeller – aber ohne Band war sie momentan nur eine einsame Halle voller Schrott.
„Scheiß drauf“, murmelte er. „Die Staubsauger sind nachher auch noch kaputt.!“
Er brauchte mal wieder Menschen um sich herum. Es war früher Nachmittag, die Zeit,
in der seine Stammkneipe um die Ecke gleich aufmacht....also machte er sich auf den Weg.
Als er die Kneipe betrat, war noch nichts los. Susi stand hinterm Tresen und war so vertieft in ihre Arbeit, dass sie ihn erst gar nicht bemerkte. In der Hand hielt sie ein ausgedrucktes Foto von Diggi. und knallte soeben einen dicken, roten WANTED-Stempel genau neben sein Gesicht.
„Moin!“
„Mensch – da biste ja endlich wieder!“ rief sie und fuchtelte mit dem Papier herum.
„Ich wollte gerade schon ’nen Vermissten-Zettel aufhängen, so lange wie du dich nicht hast blicken lassen!“
Diggis Laune besserte sich schlagartig und ein breites Grinsen zeigte sich auf seinem Gesicht.
„Nee, lass mal, Susi, alles gut“, sagte er und schob sich einen Barhocker zurecht.
„Gib mir mal bitte ’n Bier, den Zettel da und ’nen Stift… ich hab ’ne Idee!“
Susi öffnete ihm eine Flasche und reichte ihm das „Fahndungsfoto“ und einen Edding rüber.
Diggi nahm einen tiefen Schluck, strich das Papier glatt und fing an zu schreiben.
....
Als er fertig war, schob er sein Werk über den Tresen.
„Susi, schau dir das an!“, sagte er grinsend.
„Das ist ein „Vermissten-Zettel“ der anderen Art!“
Susi lehnte sich mit verschränkten Armen über den Tresen, las die Zeilen und schüttelte den Kopf, musste aber unwillkürlich lachen.
„Yarncore, Diggi? Dein Ernst? Wenn das einer versteht, dann hast du deinen Musiker gefunden!“
„Das wird schon!“ sprach er zuversichtlich....
“Jetzt muss ich das Ding kopieren gehen und überall hin kleben!“
„Och Diggi“ Susi schaute ihn fast mitleidig an. „Plakatieren is doch von gestern!“
Sie zog ihr Smartphone hervor, machte ein Foto und lud es direkt hoch ins Internet.
„Heute macht man das online! Wenn de Glück hast, geht das viral!“
Diggi schnappte sich den Zettel und sprang auf
„Jaja- kann sein! Ich muss zum Copyshop! - Ich zahl dann später!“
Am nächsten Abend,- nachdem er gefühlt das ganze Viertel mit seinen Flyern zugekleistert hatte, kam Diggi wieder zurück zum Tresen. Die Idee von seiner neuen Yarncore Band war noch da,
aber es hatte sich bisher noch niemand gemeldet. Er saß ziemlich bedient am Tresen seiner Stammkneipe und versuchte, den Frust über die fehlende Besetzung in Bier zu ertränken.
Albert, der gerade erst aus Bayern nach Hamburg gezogen war, saß ein paar Hocker weiter. Er war in den Norden gekommen, weil ihm die rechte Szene in seiner Heimat zu viel Raum einnahm; alles zu eng...zu konservativ...scheiß Faschos! ...als antifaschistischer Sharp-Skin gefiel ihm die Freiheit
und die klare Kante dieser Stadt.
Er war eigentlich gelernter Automechaniker, verdiente sein Geld hier aber erst einmal als Taxifahrer. Da Albert seit vielen Jahren vegan und Straight Edge lebt, stand vor ihm kein Bier, sondern der dritte schwarze Kaffee der Nacht. Er beobachtete den Typen mit dem Iro neben sich und setzte sich schließlich zu ihm rüber.
Sie kamen schnell ins Gespräch: ...was soviel heißt wie:Diggi redete sich den Frust über die fehlende Band von der Seele, während Albert einfach nur zuhörte und gelegentlich stoisch nickte .
Als die Kneipe schloss und Diggi kaum noch geradeaus gucken konnte, fackelte Albert nicht lange. Er wusste, dass der Punk quasi um die Ecke wohnte, aber er ließ ihn nicht alleine los laufen.
"Steig ein, Bua. I fahr di hoam",
war wahrscheinlich einer der ersten vollständigen Sätze, die Diggi von ihm hörte.
Nachdem er ihn heile zu seiner Haustür begleitet hatte und wieder in seinem Taxi saß,
bemerkte er auf der Heimfahrt das Portmonaie, das auf dem Beifahrersitz lag.
“Na- jetzt kriag i den nimma wach“ dachte sich Albert...und fuhr erstmal weiter nach Hause.
Am nächsten Tag stand er wieder vor Diggis Tür und brachte ihm sein Portemonnaie zurück – mitsamt Inhalt und ohne großes Aufheben.
Seit diesem Moment sind die beiden Freunde.
Schrammel hatte seinen Akustikbass unter den Arm geklemmt und schlurfte müde durch die Straßen.
Eigentlich stand er ja lieber „unter Strom“ aber um auf der Platte ein paar Euro zu schnorren, war das unverstärkte Teil einfach praktischer.
An einem Laternenpfahl flatterte ein kopierter Flyer im Wind.... Schrammel kniff die Augen zusammen und versuchte die krakelige Schrift zu entziffern. :
„Sänger sucht Loite für Punkband“ …. las er halblaut vor.
Er stutzte.
„Hä? Die Fresse kenn ich doch. Das is’ doch Diggi!“
Schrammel
Die beiden kannten sich schon seit der Schulzeit und begegneten sich immer mal wieder auf diesem oder jenem Konzert.
„Der olle Hansen baut ne neue Band?- ja...warum sacht er denn nix?“
fragte er sich, während er ganz automatisch in die nächste Straße einbog in der Diggi wohnte.
„Es is zwar noch früh, aber dann isser wenigstens bestimmt zu Hause-
Vielleicht kann er ja diesmal noch einen am Bass brauchen?“
Die Tür zur Zauberwerkstatt stand einen Spalt offen.
Schrammel drückte sie mit dem Fuß auf und schlurfte hinein.
„Moin Diggi- wo sind denn deine anderen 3 Bassisten hin?“ rief er in den Raum.
„Alle alleine auf Tour gegangen“ schallte Diggis Stimme aus dem Hinterzimmer zurück.
Schrammel nahm sich erstmal ein Bier aus dem Kühlschrank, setzte sich auf das alte Sofa in der Ecke und wartete bis sein Kumpel in die Werkstatt kam.
„Moin Schrammi!“ , sagte Diggi, als er den Vorhang zum Hinterzimmer beiseite schob.
Er sah den Bass und grinste.
„Joa, die sind alle irgendwie wech... haste Zeit und Bock?“
„Kloa!“
„Dann haste den „job“!
„cool“
...denn: manchmal muss man gar nicht lange rumschnacken....
direkt, schnell und ohne viel Gedöns – genau wie ein Punk-Song.
Es war ein typischer Hamburger Vormittag.
Uschi saß in ihrer Wohnung in Altona,
der Kaffee dampfte neben dem Laptop, während sie durch die Netzwerke scrollte.
Zwischen politischen News und feministischen Foren blieb ihr Blick an einem Post hängen:
„Sänger sucht Loite für Punkband“
Sie spürte sofort:
Das ist kein Zufall. Das ist die Chance, ihre Musik und ihre Überzeugung zu verbinden.
Wie immer, tippte sie sofort die Nummer ihrer Zwillingsschwester auswendig ins Telefon....
„Moin Uschi! Na, wie ist die Lage in der großen Stadt?“
ertönte die vertraute Stimme am anderen Ende der Leitung.
„Michi, setz dich hin. Ich hab’s gefunden!!!
Hier auf dem Kiez gründet sich gerade eine Band.
Die nennen ihren Style Yarncore. Michi, das klingt nach Punkrock und Häkelnadeln – absolut mein Ding! Der Typ schreibt auf dem Flyer nichts von Noten oder Diplomen oder sowas, er fragt nur:
'Wenn du ein Instrument halten kannst und dir der Begriff YARNCORE was sagt...'. Michi, das ist es! “
„Yarncore? Klingt ja abgefahren. Das Wort hab ich ja noch nie gehört! Aber es klingt verdammt nach dir, Uschilein.“
„Er sucht neue Leute für diese Band!. Ich werde mich da als You-she bewerben.
Weißt du noch? YOU are SHE. Ich hab keinen Bock mehr, mich für irgendwen zu verbiegen, nur weil ich in Horst früher immer die 'Andere' war.
Ich will da als You-she stehen – als Feministin, als Musikerin, als ich selbst....
und ne Portion Frauenpower hat noch keiner Band geschadet...ich sags Dir...
DAS fühlt sich richtig an!“
„Uhhh-she... Ich bin dabei! Wenn du da hingehst, bin ich wieder Me-she an deiner Seite. Ich setz mich gleich in die nächste Bahn aus Elmshorn und komm rum!
Wir zeigen denen, was die Müller-Schwestern draufhaben!“
Uschi machte sich schlau, wo diese "Zauberwerkstatt" sein soll, fand eine Telefonnummer heraus und griff direkt wieder zum Hörer um zu fragen, ob sie heute noch vorbeikommen können.
Robbi ist in der Musikszene kein Unbekannter, aber er war schon immer ein Einzelgänger.
Seinen Spitznamen „Crow“ (Krähe) verdankt er nicht nur seinem schwarzen Kleidungsstil, sondern auch seiner Art,
sich wie ein Vogel das Beste aus verschiedenen Musikstilen zusammenzusuchen – am liebsten Darkwave, dazu ein bisschen Metal, eine Portion Hardcore und viel klassischer Punk.
Robbi hatte jahrelang in einer Berliner Band gespielt, die immer kommerzieller wurde. Als sein damaliger Manager ihm vorschreiben wollte, wie er seine Gitarre zu stimmen und was er so anzuziehen habe, warf Robbi sein Plektrum hin und ging.
Er verließ Berlin und zog direkt nach Hamburg. Er wollte Musik machen, die eine Seele hat – nicht nur Dollarzeichen.
Wochenlang lief Robbi durch St. Pauli, seine Gitarre immer im Koffer dabei, auf der Suche nach einem Projekt, das nicht nach Plastik klang. An einer Ampel sah er den handgeschriebenen Flyer:
„Wenn du ein Instrument halten kannst und dir der Begriff YARNCORE was sagt...“.
Während andere sich fragten, was Yarncore wohl sein soll, verstand Robbi es sofort:
Es ging um das Verweben von Energie, um Handarbeit, um etwas, das man selbst erschafft.
Er kannte Diggi flüchtig vom Sehen – und beschloss, direkt vorbeizuschauen.
Es war gerade mal Mittag als er in der Zauberwerkstatt auftauchte. Diggi war dabei
irgendwelchen Papierkram zu sortieren und sah nicht besonders glücklich aus,
weil so etwas nicht zu seinen Lieblingsbeschäftigungen zählt.
Robbi stellte seinen Gitarrenkoffer einfach auf den Boden, holte seine Klampfe raus und fragte nur:
"Haste 'nen Amp hier, der nich nur brummt?"
Diggi deutete mit dem Daumen auf eine alte Box in der Ecke.
Robbi stöpselte sich ein, spielte spontag ein kurzes, aggressives Riff und wartete auf eine Reaktion.
Diggi hörte auf zu sortieren, lehnte sich zurück und war erstaunt. Als er Robbi sah, hatte er eher sanfte Wave-Klänge erwartet... aber DAS war etwas ganz anderes! Dreckig, rauh und laut!
Diggi strahlte über das ganze Gesicht:
„Moin Robbi.... geiler Scheiß! Bleib mal da.... gleich kommen nochmal zwei Loite!“
...und irgendwie ahnte Robbi, dass er hier angekommen war.
Uschi stand zum verabredeten Zeitpunkt am Bahnhof Altona und wartete darauf, dass die Bahn aus Elmshorn endlich eintrudelte. Sie war aufgeregt bis in die blauen Haarspitzen!
Wenn DAS echt was wird- dann würde sie endlich so richtig in HH ankommen und könnte die Vergangenheit und die ganze Kleinkackscheiße aus Elmshorn hinter sich lassen!
Nervös hüpfte sie von einem Bein auf das andere, und wurde erst etwas ruhiger als Ihre Zwillingsschwester aus der Bahn sprang und sie fest umarmte.
„Los geht’s! Komm- wir nehmen ein Taxi...es ist zwar nicht weit aber ich will da jetzt ganz schnell hin!“ plapperte sie ohne Begrüßung los.
OiBert stand an sein Taxi gelehnt da, als er die beiden Punketten hastig auf sich zulaufen sah.
Er öffnete ihnen direkt die Autotüre- das war auf jeden Fall eine Fahrt für ihn!
„Servus Mädels“, brummte er in seinem tiefen bayerischen Slang. „Wohin soll’s geh’n?“
„In eine Zauberwerkstatt bitte“ antwortete Me-She höflich
Uschi kramte umständlich in Ihrer Tasche herum.....
„Moment...irgendwo habe ich einen Zettel, da habe ich die Adresse notiert...ich weiß nur gerade nicht.....“
Oi-Bert zog eine Augenbraue hoch. Ein schmales Grinsen stahl sich zwischen seine Kotteletten. „Ah, zum Diggi? Da schau her. Na dann... gemma’s an.“
„Du kennst ihn?“ fragte Michi
„Ja logo!“
Die Fahrt verlief erstaunlich schweigend, OiBert spürte die Aufregung der beiden auf der Rückbank knistern. Schließlich bogen sie in die Straße ein.
Er ließ das Taxi bis vor die Werkstatt ausrollen , schaltete den Motor aus und drehte sich um.
„So, da samma“, sagte er ruhig. „Diggi wart’ scho drinnen. Is a pfundiger Kerl, aber lasst’s eich von seiner Kiez-Goschn net ins Bockshorn jagen, gell?“
Er stiegt aus, um ihnen bei der Ankunft- wie ein guter Bodyguard- einen kurzen Moment Sicherheit zu geben.
Er lehnte sich gegen die Fahrertür, verschränkte die Arme und schaute zu, wie die beiden Schwestern sich vor dem Eingang kurz sammelten.
Uschi zupfte an ihrem Gitarrenkoffer herum, während Michi prüfend die Umgebung scannte.
„Kein Zurück mehr nach Horst, Michi. Jetzt zählt’s.“ flüstert Uschi
„Genau. Und denk dran: YOU-she. Mia zeigen denen jetzt, was Frauenpower hoast...“
Sie zwinkerte dem ruhigen Taxifahrer frech zu und war dankbar, dass seine Ruhe ein bisschen auf Ihre Schwester abgefärbt hat.
Oi-Bert gab ihnen noch ein aufmunterndes Nicken mit und öffnete die schwere Tür der Zauberwerkstatt .
Uschi marschierte los, als hätte jemand eine Ladung Dynamit gezündet,
die blauen Haare leuchteten im Neonlicht der Werkstattlampen wie ein Warnsignal.
Sobald sie Diggi sah, brach es aus ihr heraus.
„Moin, also, ich bin die Uschi, aber eigentlich U-she, wegen der Sache mit dem Zusammenhalt, du weißt schon und das hier ist meine Zwillingsschwester Michi ..also Me-She... aber- das sieht man ja wohl! ... und wir kommen aus Horst, aber das ist jetzt egal, ich hab meine Gitarre dabei und ich dachte mir, bevor wir hier lange rumschnacken, zeig ich dir einfach, was ich kann, ...weil ich im Büro schon genug Zeit mit dämlichem Abheften verschwendet hab – ich will jetzt endlich machen, wofür ich hier bin!“...“
Sie plapperte in einer Geschwindigkeit, dass Diggi kaum mit dem Nickem hinterherkam.
In der Mitte des Raums blieb sie stehen, riss den Koffer auf und hängte sich das Instrument um. Robbi, der mit seiner Gitarre im Schatten auf dem abgewetzten Sofa saß, übersah sie in ihrem Tunnelblick komplett.
„So, Achtung, ich fang einfach mal an! 1... 2... 3... 4... und so.....“, rief sie,
schlug einen harten Power-Chord an und legte einen Rhythmus hin, der die Staubkörner von den Werkbank-Regalen pustete.
Als der letzte Akkord in der Werkstatt verhallte, stand Uschi schwer atmend da.
„Und?“, fragte sie und sah sich zum ersten Mal richtig um. Ihr Blick blieb am Sofa hängen.
Robbi saß immer noch da, schweigend, die Gitarre im Schoß.
Statt einer Antwort herrschte für einen Moment totale Stille.
Uschi wurde plötzlich ganz klein. Die alte Unsicherheit aus Horst kroch ihr den Nacken hoch.
Hatte sie sich gerade total zum Löffel gemacht? War das zu viel? War sie zu laut?
Mal wieder too much??? Sie nestelte nervös an ihrem Gurt.
Michi trat neben sie und legte ihr die Hand auf die Schulter.
„Ganz ruhig, Usch. Die müssen das erst mal verdauen. War ’n echtes Brett,
was du da abgeliefert hast!.“
Immer noch schweigend stand Robbi auf. Er sagte nichts, kein „Moin“, kein „Nicht schlecht“.
Er nahm einfach seine Gitarre, trat einen Schritt auf Uschi zu und zupfte eine messerscharfe, klare Melodie . Er wartete. Ein auffordernder Blick und Uschi verstand sofort.
Sie stieg ein – diesmal ohne Geplapper, nur mit dem Rhythmus.
Robbis Melodie legte sich wie ein feiner Nebel über ihren harten, dreckigen Beat.
Es passte nicht nur, es rastete ein wie ein Zahnrad in Diggis Maschinen.
Dann passierte es:
Uschi griff sich Diggis „heiligen“Mikrofonständer, riss ihn zu sich ran und öffnete den Mund.
Was da rauskam, hatte nichts mehr mit der nervösen Bürokauffrau aus Horst zu tun.
Ihre Stimme war tief, rauh und hatte eine rotzige Weiblichkeit, die sich gewaschen hatte und die jeden Ton wie eine Ansage klingen ließ. Als sie einfach so spontan die Backing Vocals zu Robbis Spiel raushaute blieb Diggi der Mund offen stehen.
Nachdem sie fertig waren, war es wieder für einen Moment totenstill.
Diggi stand da, das Glas in der Hand, und grinste übers ganze Gesicht.
Er und Michi fingen gleichzeitig an zu applaudieren.
„Alter Schwede...“, brummte Diggi und haute begeistert seine großen Pranken zusammen.
„Uschi, das war kein Gesabbel. Das war genau der Wumms, den wir hier brauchen. Ihr beide zusammen...wow...perfekt...wie Arsch auf Eimer!
Willkommen in der Band!“
Kevin K. stieg an der Feldstraße aus der U-Bahn und irrte erstmal ein bisschen planlos durch die Straßen von St Pauli. Seit er gestern im Internet über Diggis Band Aufruf gestolpert war, hämmerte dieser Gedanke in seinem Kopf. Irgendwas an dieser „Zauberwerkstatt“ zog ihn magisch an.
Er hatte die Schnauze voll davon, tagein, tagaus mit den Druffis am Famila-Parkplatz in Steilshoop abzuhängen, die nur billigen Fusel tranken und sich mit HipHop zudröhnten. Er wollte was Echtes. Er spielte zwar kein Instrument – er hatte das Taktgefühl einer kaputten Waschmaschine – aber er wollte diesen Vibe spüren. Diesen... Yarncore.
Er landete in einer der Seitenstraßen und stand plötzlich vor einer Tür, über der ein Schild hing, auf dem in gesprühten Lettern „Zauberwerkstatt“ stand.
Er atmete tief durch. Sollte er da wirklich reingehen?
Es war ja immerhin ein Bandcasting – und er spielte leider überhaupt kein Instrument!
Was sollte er sagen? „Hallo, ich will euch einfach nur zugucken?“ Wie spasti klang DAS denn?
***
Drinnen schrillte gerade das Telefon. Diggi, der mit den anderen auf dem Sofa saß, um auf den Bandzuwachs anzustoßen, hob entschuldigend die Hand.
„Ich muss da ma kurz rangehen... Moment!“, rief er und verschwand durch den Vorhang
in sein Hinterzimmer.
***
Kevin nahm all seinen Mut zusammen und drückte die Klinke. In der Werkstatt sah er Uschi, Michi und Robbi zusammen auf dem Sofa und den Werkbänken herumsitzen.
„Moin... ist Diggi auch da?“, fragte er in den Raum.
Michi musterte ihn kurz. Mit ihrem prüfenden Scannerblick sah sie sein „FCK NZS“-Shirt und nickte entspannt.
„Jo, der ist gerade hinten am Telefon. Komm rein.“
Kevin fackelte nicht lange. Er setzte sich wie selbstverständlich dazu, als wäre er schon immer Teil des Inventars gewesen. Cool – der erste Schritt war geschafft!
Ein paar Minuten später polterte Diggi wieder aus dem Hinterzimmer.
Er sah in die Runde, strich sich über den Iro und bemerkte Kevin auf dem Sofa.
Er wunderte sich kein Stück, wer der neue Kerl war oder wo er plötzlich herkam – in der Zauberwerkstatt war jeder willkommen, der kein Arschloch ist.
„Hey, habt ihr alle noch ’nen Moment Zeit?“, fragte Diggi.
„Spider hat gerade angerufen. Der steckt wohl mit seinem Bike irgendwo im Elbtunnel fest oder so... typisch. Dürfte aber bald mal eintrudeln. Wir könnten ja schon mal das Schlagzeug da in der Ecke für ihn aufbauen, damit wir direkt loslegen können, wenn er da ist!“
In Kevins Augen leuchtete es schlagartig auf. Das Schlagzeug!!! Sein absolutes Trauminstrument. Bevor Diggi den Satz beenden konnte, stand Kevin schon neben der Bassdrum. Ohne zu fragen, packte er zu, schleppte die Ständer herbei und fing an, die Becken auszupacken. Er hatte zwar keine Ahnung von Rhythmus, aber er wusste genau, wie man anpackt und wuselte direkt los!
Diggi beobachtete ihn kurz dabei, wie er eine schwere Box zur Seite schob, um Platz zu machen. „Guter Mann“, brummte er leise und schnappte sich einen Stimmschlüssel.
Kevin grinste breit unter seiner blauen Mütze.
Das hier war tausendmal besser als der olle Parkplatz in Steilshoop.
Spider fluchte und steckte das Handy wieder ein.
Heute Morgen hatte er sich ganz früh in Stuttgart auf den Weg gemacht und ist wie ein Irrer die A7 rauf geheizt um rechtzeitig zu diesem Bandcasting zu erscheinen- und jetzt will ihm dieser verdammte Tunnel einen Strich durch die Rechnung machen?
Wenn ihn sein Gefühl nicht trügt und das mit dieser Yarncore Band wirklich klappt, gäbe ihm das endlich den nötigen Tritt den er braucht um sich entgültig aus der Schwaben-Metropole zu verabschieden und dieses ewige hin-und her Gependle zu beenden!
Als er in die kleine Seitenstraße einbog wurde es schon langsam dunkel....
Spider
Genau in dem Moment, als Kevin gerade die letzte Beckenschraube festzog, erbebte die Luft in der Zauberwerkstatt. Sie hörten ein tiefes, grollendes Donnern das mit einer satten Fehlzündung verstummte....dann flog die Tür auf!
„Ja-Heidenei!“ fluchte es mit einem unverkennbaren Stuttgarter Einschlag unter dem Helm hervor, den sich der hereinstürmende Typ im Gehen vom Kopf riss und unter dem lange, staubige Dreads hervorquollen, während er sich den Schweiß von der Stirn wischte.
„Des gibt’s doch gar net! Elbtunnel zu, Vollsperrung, und ich steh mittendrin wie der Ochs vorm Berg. Ich dacht schon, ich verpass den ganzen Schlamassel hier!“
Diggi, der gerade mit Kevin das letzte Becken am Set festgeschraubt hatte, grinste breit.
„Kein Stress, Spider. Timing ist alles. Du kommst genau richtich.“
Spider grüßte ein kurzes „Hallöle erschtmal“ in die Runde.
Sein Blick scannte direkt das Schlagzeug in der Ecke.
Er sah die perfekt positionierten Becken und Kevin, der mit glänzenden Augen daneben stand
und gerade noch mal mit dem Ärmel über die Hi_Hat poliert hatte.
Spider stiefelte auf ihn zu, musterte ihn kurz von oben bis unten und haute ihm dann so kräftig auf die Schulter, dass Kevin fast in die Snare gekippt wäre.
„Sauber, Kerle!“, rief Spider begeistert.
„Hast ja richtig Ahnung, wo des Blechle hingehört. Danke dir!“
Er warf seine Jacke in eine Ecke, ließ sich auf den Hocker fallen und wirbelte die Sticks so schnell, dass sie nur noch wie ein Schatten zwischen seinen Fingern tanzten.
„Sodäle – i klopf mer hier jetzt mal kurz de ganze Verkehrs-Fruscht aus de Knoche, okay?“
sprach er und legte in einer Geschwindigkeit los, die seinem Namen "Spider" alle Ehre machte.
Man konnte wirklich meinen er hätte acht Arme gleichzeitig!
Als das akustische Gewitter vorübergezogen war, grinsten sich alle an und nickten wohlwollend.
Die Tür zur Zauberwerkstatt ging erneut auf, und Oi-Bert streckte vorsichtig den Kopf herein!
„Ja, Herrgottsackrament – wos isn do los! An Schlagzoiger habts a jetz a scho!? Do geht ma amoi oabatn und hot fast ois verpasst!“, rief er lachend herein.
„Schaugst moi, wen i mitbracht hob!
Der hot a Taxi bstellt und wollt zum Bahnhof – ab nach Prag – ohne "Pfiats eich" zum sogn!... der Saubua!“
Er schob Kuttel durch die Tür in die Werkstatt, und hinter ihm kam auch Schrammel angeschlurft. „Und den do hob i a glei mit eingsammelt, vorn am Eck!“
Kuttel
Kuttel stand mitten in der Werkstatt und sah sich um, erfreut darüber, dass sich inzwischen anscheinend genau die richtigen Leute zusammengefunden hatten.
Diggi verschränkte die Arme und sah Kuttel gespielt böse an.
„Echt jetzt, Kuttel? Heimlich? Durch die Hintertür verschwinden?“
Diggi wusste ja, dass Kuttel ein unschlagbares Angebot von einer tschechischen Grindcore-Band bekommen hatte und dafür sogar bereit war, seine Gitarre gegen einen Bass einzutauschen.
Seit Kuttel als Teenie das erste Mal in Recklinghausen in einem Proberaum war, wusste er,
dass Grindcore genau sein Ding ist – aber er liebte auch seine laaaangen Metal-Soli und hatte
in Deutschland bisher noch keine passende Band für sich gefunden. Metal, Punk, Yarncore
– das alles waren wichtige Stationen auf seinem Weg... aber JETZT musste er weiterziehen.
„Och Diggi – du weißt doch – manchmal bin ich n echtes Weichei! Joa – war blöd zu denken, ich könnt mich feige verpissen und dich ohne Band hier alleine lassen, aber... hey – wenn ich dat hier jetzt seh, weiß ich... dat läuft!“
„Alles gut, Kuttel – Reisende soll man ja nich aufhalten. Und ansonsten... du weißt ja, dass die Tür zur Zauberwerkstatt immer offen is, nech? Wie sieht’s aus? Willste dir ne Gitarre ausser Ecke schnappen und wir testen einmal alle zusammen, was das hier so wird? ... oder packste deinen neuen Bass nochma dafür aus?“
Oi-Bert tippte auf die Uhr an Kevins Arm...
„Ober dann machts schnell
– damit i eam no pünktlich zu seim Nachtzug foahrn ko!“
Auf dieses Kommando hin schnappte sich jeder sein Instrument und alle waren bereit loszulegen. Ein irrer, wilder Haufen, der sich heute neu gefunden hatte...
...aber eine Frage schwebte ungestellt in allen Köpfen:
Wer sind wir denn nun?
Oi-Bert lehnte im Türrahmen, sah zu Michi und Kevin rüber, die als „erstes Publikum“ auf dem Sofa Platz genommen hatten, und sagte lachend:
„Na schaugts – der letzte kommt auf seim Moppet-Bock angritten,
während der erste scho wieder vom Hof reitet...
...let me introduce you... for the first time... tonight: here are...
THE YARNRIDERS!!!“
Antonia Böhm
Gaußstraße 79
22765 Hamburg
Deutschland
Tel.: 015775774620
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USt. wird nicht ausgewiesen, da der Verkäufer Kleinunternehmer im Sinne des UStG ist.